15. Dezember 2009

Frakturschrift im Berliner Stadtbild

Jeden Tag, wenn ich mit der S-Bahn fahre gleitet mein Blick unwillkürlich über die gebrochene Schrift, die an manchen Berliner Bahnhöfen noch prangt. Viele scheinen ja zu denken, dass die Frakturschrift mit Nazi-Schrift gleichzusetzen ist.  

S-Bahnhof Zehlendorf

So habe ich letzte Woche ein älteres Pärchen wahrgenommen, die sich darüber unterhalten haben, dass sie es unsäglich finden, dass diese “Nazi-Schrift” an so vielen Bahnhöfen noch präsent ist.

Stimmt es doch, dass im Dritten Reich, vor allem in den 30er Jahren Fraktur verstärkt in Propagandamaterial eingesetzt wurde. Was allerdings nicht viele Leute wissen ist, dass es einen sogenannten Normalschrifterlass gab, der Frakturschrift als undeutsch abtat und verboten wurde.

Ich gehöre nun noch zu der Generation, die in der Grundschule einen kleinen Exkurs in die Sütterlin-Schrift hatten. Und ich finde es einerseits schade, dass das heute scheinbar nicht mehr wirklich gepflegt wird, gehört sie doch zur deutschen Geschichte. Ja, ich musste mir eine Spitzfeder kaufen lassen und hatte für drei, vier Stunden mich an dieser Schrift versucht. Vielleicht hat mich das geprägt, denn ich bin heute immer noch im Stande Frakturschrift zu lesen. Auch wenn es natürlich keine neuen Bücher gibt, die in Frakturschrift gedruckt sind. Erinnere ich mich doch an ein Buch, das ich von der Nachbarin von meiner Oma hatte. Ein Buch aus dem ersten Weltkrieg über irgend ein Grenadierregiment. Gelesen habe ich es in Gänze nie, aber passagenweise mal reingeschnuppert. Ob das jetzt heute noch für irgend etwas wichtig sein kann ist natürlich diskutabel. Aber ich schweife ab.

Was macht man nun mit diesem, zugegebenermaßen etwas umstrittenen Kulturgut, besonders in der Öffentlichkeit? Problematisch natürlich auch, dass hier nicht näher benannte Neonazi-Klamotten-Marken auf Frakturschrift setzen um dem hirnverbrannten Klientel zu entsprechen.

Ich persönlich votiere für die Erhaltung der Frakturschrift. Sie soll ja nicht wieder eingeführt werden, aber ich bin dafür, dass man sich selbst ein bißchen dafür sensibilisiert. Dafür finde ich sie zu elegant, kraftvoll und ausdrucksstark.

Wer mehr darüber lesen möchte konsultiere Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Antiqua-Fraktur-Streit

Mehr über die “Schwabacher Judenlettern” und den “Normalschrifterlass” gibt es hier: http://opus.kobv.de/fhpotsdam/volltexte/2007/28/pdf/Beck.pdf und hier: http://www.peterrueck.ch/pdf/sprache%20der%20schrift.pdf

In diesem Sinne, ein Hoch auf die noch verbliebene Frakturschrift an Berliner Bahnhöfen!

Noch keine Kommentare!

Schreibe einen Kommentar

Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>